Interview

mit Andreas Schrenk

Autor/in:   Andreas Schrenk, Einrichtungsleiter St. Augustinusheim Ettlingen Lothar Wegner, Referent für Gewaltprävention, ajs
Titel:   Nicht autoritäre Attacke, nicht Betroffenheitspädagogik…
Quelle:   Interview anlässlich des Seminars „“Klare Linie mit Herz““ am 22./23. November 2005 in Rastatt
Das St. Augustinusheim ist eine Einrichtung der Wohlfahrtsgesellschaft Gut Hellberg mbh in Trägerschaft des Deutschen Caritasverbandes und des Caritasverbandes für die Erzdiözese Freiburg. Die Anlage befindet sich am Rand von Ettlingen.Die Angebote richten sich ausschließlich an Jungen.Sie umfassen:

  • 6 Wohngruppen (mit je 8 Plätzen und 5 Pädagog/innen)
  • 2 Pädagogisch-Therapeutische Intensivgruppen für männliche Jugendliche mit sexuell abweichendem und übergriffigem Verhalten (á 8 Plätze und á 6 Pädagog/innen)
  • Betreutes Wohnen (10 Plätze, 3 Pädagog/innen)
  • Inobhutnahme (6 Plätze). Hier werden auch Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Obhut genommen.
  • Betreuung von Unbegleiteten Minderjährige Flüchtlingen (UMF)

Angeschlossen sind eine Schule für Erziehungshilfe (Werkrealschule, Haupt- und Förderschule, VAB,, Sonderberufsschule) , sowie sechs Ausbildungsbereiche (Maler/Lackierer, Tischler, Metallbauer, Landschaftsgartenbauer, Blumen und Zierpflanzengärtner, Koch) mit insgesamt 55 Plätzen. In der Schule und im Ausbildungsbereich werden auch Mädchen aufgenommen.

Nicht autoritäre Attacke, nicht Betroffenheitspädagogik…

Interview mit Andreas Schrenk, Gesamtleiter des St. Augustinusheims Ettlingen

Herr Schrenk, in der Selbstdarstellung ihrer Einrichtung sticht das Arbeitsprinzip „Klare Linie mit Herz“ ins Auge. Was meinen Sie damit?

Das bedeutet zunächst, dass wir den Jugendlichen gegenüber klar und eindeutig zum Ausdruck bringen, was wir hinsichtlich ihres sozialen Verhaltens von ihnen erwarten. Hierbei orientieren wir uns daran, was von Jugendlichen außerhalb der Einrichtung in unserer Gesellschaft erwartet wird, wenn sie sich in dieser Gesellschaft integrieren wollen. Dazu zählen wir z.B., dass man mit seinen Mitmenschen in einer sozialverträglichen Art und Weise umgeht, dass man die Notwendigkeit gewisser Regeln des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft erkennt und bejaht, dass man Konflikte, die man mit anderen Menschen hat, ohne Gewalt löst und dass man die Vereinbarungen, die man getroffen hat einhält.

Das klingt nach einem Anpassungsprogramm.

Ja natürlich geht es auch darum, dass sich die Jungs in eine bestehende Ordnung einfügen. Dass sie Regeln akzeptieren. Genauso wichtig ist aber der Punkt, dass die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sie sollen die Verantwortung für das eigene Handeln erkennen und akzeptieren. Das ist für manche bereits ein Riesenproblem.

Was daran liegt, dass das vorher niemand von ihnen erwartet hat?

Doch, erwartet schon, aber zu spät und zu inkonsequent. Die Jugendlichen, besser: die Jungs, die zu uns kommen, haben sich vielfach Verhaltensweisen angeeignet, mit denen sie in einer Ausbildungswerkstatt, einer Schule außerhalb der Einrichtung oder an einem Arbeitsplatz nicht weit kommen. Dazu kommt noch das Spezifikum des Jugendalters, Jungs wollen sich auseinandersetzen, Grenzen ausprobieren, Reibung.

Aber an Reibung dürfte es doch wohl nicht gemangelt haben…

Richtig, aber der Preis war eben sehr hoch. Unsere Jugendlichen gehören durchweg zu den sogenannten Modernisierungsverlierern. Sie sind aus den meisten Zusammenhängen rausgeflogen. Und jetzt ist es für sie einfacher, sich auf die Position des Opfers zurückzuziehen und die „Schuld“ für die eigene benachteiligte Lebenssituation anderen – den Eltern, dem Richter, den falschen Freunden – zuzuschreiben.

Was zweifelsohne Vorteile hat…

Genau, diese Position kann ungemein entlasten. Der Nachteil ist allerdings, dass man damit die Möglichkeiten vergibt, sich zu verändern.

Sie sagen es selbst: Verantwortungsübernahme erscheint diesen Jungs schwieriger.

Genau, aber es hilft einem Jungen ja nichts, nur zu jammern und zu klagen. Wir bemühen uns deshalb sehr, jedem Jungen bereits im Vorstellungsgespräch klar zu machen, dass er selbst sein Leben aktiv in die Hand nehmen muss – und dass er das bei uns lernen kann. Wir sagen ihm: Du, nein: Nur Du kannst Dein Verhalten ändern, wir trauen Dir das zu, das kannst Du bei uns zusammen mit Jungs, denen es ganz ähnlich geht wie dir lernen. Es lohnt sich, und: wir unterstützen dich!

Ich kann mir schwer vorstellen, dass dieses Credo „schwierige Jungen“ überzeugt.

Sicher nicht sofort, aber mittelfristig geht kein Weg an diesem Sichtwechsel vorbei. Wir anerkennen ja durchaus und ausdrücklich, dass der einzelne Jugendliche nichts dafür kann, wenn er evtl. als kleines Kind unter sehr schwierigen und belastenden Bedingungen hat leben und aufwachsen müssen. Wir erklären ihm, dass wir verstehen können, warum er sich bestimmte dissoziale Verhaltensweisen angeeignet hat. Aber ein Schläger kann bei uns seine verkorkste Kindheit nicht als Rechtfertigung für seine Gewalttaten benutzen. Er hat massiv Regeln missachtet, hat Opfer „produziert“ – und damit sind wir nicht einverstanden. Ein gutes, erfolgreiches und glückliches Leben – was sich viele unserer Jungs ja wünschen – wird er so nicht hinbekommen.

Das alles würde ich überschreiben mit Analyse des Scheiterns – in der Hoffnung, Motivation für den schweren Gang nach Ettlingen zu erzeugen.

(Lacht.) …ins Umerziehungslager womöglich. Nein: Die beschriebene klare Linie kann nicht allein stehen. Die Klarheit im Umgang mit Regeln etwa ist zunächst für jeden Jungen zugleich Zumutung und Herausforderung. Er setzt sich dem nur aus, wenn er von Anfang an Grund zu der Ahnung bekommt: Irgendwie mögen die mich! Nur wenn es uns gelingt, tatsächlich ein Herz für diese Burschen zu haben und zu zeigen, können wir ihnen weiter helfen, indem wir zum Beispiel ihr Fehlverhalten unmittelbar und unnachgiebig konfrontieren.

Und das kommt bei den Jungs an?

Weitgehend ja.

Man könnte sagen, sie wollen hier im Haus einfach gute Pädagogik mit schwierigen Jungs umsetzen, mit der Besonderheit, dass ein konsequenter Umgang mit Regeln, deren Einhaltung und insbesondere Gewaltbearbeitung hoch gewichtet werden. Wie bringen das Ihre Mitarbeiter/innen rüber?

Entscheidend ist eine grundsätzliche Bejahung der Jungen. Wer diese professionelle Basis nicht mitbringt, wird bei uns keinen Fuß auf den Boden kriegen. Die Jungs sind dabei sozusagen das Thermometer: Insbesondere einer, der schon in mehreren Heimeinrichtungen war, merkt sehr feinsinnig, ob hier emotional echt oder mit gezinkten Karten gespielt wird. Der Jugendliche spürt ganz genau: Werde ich hier abgelehnt, scheinbar angenommen oder nehmen die mich ernst. In diesem Kontext ist dann ein handfester Krach, der fair und begründet geführt wird, beziehungsfördernd. Ohne Empathie hinge die Konfrontation in der Luft.

Als Mitarbeiter bei Ihnen müsste ich also freundlich verstehen und unfreundlich Klartext reden?

…können! Klartext reden können, wenn es nötig ist. Das wäre sozusagen eine Ergänzung zur landläufigen, meist lebensweltorientierten pädagogischen Grundhaltung, Erziehung sei lediglich das behutsame Begleiten von Kindern und Jugendlichen bei dem, was ohnehin geschieht. Da macht die Konfrontative Pädagogik eine neue Tür auf. Die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung, ja zum Streiten und zum Durchsetzen sind dabei als professionelle Kompetenzen neu, also positiver als bisher zu bewerten.

Kann es sein, dass viele Pädagogen und Pädagoginnen an dieser Stelle von konfrontativer Pädagogik nichts mehr wissen wollen?

Vielleicht. Viele scheinen Konfrontieren gleichzusetzen mit „Anbrüllen und Abstrafen“. Es scheint in manchen Köpfen immer noch ein eher undifferenziertes und verzerrtes Verständnis dieses Ansatzes umherzugeistern.

Das kommt ja nicht ganz von ungefähr. Die Unterscheidung von Person und Handeln zum Beispiel gehört doch, was die Umsetzung angeht, zum schwierigsten Teil unserer Profession!

Das kann man lernen. Nein: das muss man sogar lernen. Die persönliche Geschichte eines Jungen zu verstehen, heißt eben nicht, mit seinem Verhalten immer einverstanden zu sein. Eine Konfrontation kann dann zum Streitgespräch werden. Das war ja gerade unsere Erfahrung: wurde bei sozial inadäquatem Verhalten „betroffen –pädagogisch“ reagiert, also verständnisvoll und „lieb“, kamen wir nicht an. Es passierte nichts, höchstens haben wir Spott oder gar Mitleid geerntet. Ein Professioneller, der so agiert, wird für schwach gehalten. Er wird weder ernst genommen noch respektiert und bekommt keinen konstruktiven, entwicklungsfördernden Draht zu den Jungs. Erfahrungsgemäß halten sich solche KollegInnen in diesem Arbeitsfeld nicht lange. Auf der anderen Seite: Eine Konfrontation ohne „Herz“ geführt, würde verkommen zur autoritären Attacke, wie eben schon gesagt. Vor allem wäre dabei die Chance vertan, einen Erwachsenen positiv zu erleben – also sagen wir fair und Orientierung bietend.

Trotzdem bleibt doch Skepsis geboten. Die konfrontative Pädagogik birgt die Gefahr in sich, dass Jugendliche eben doch fertig gemacht werden, dass sie entgegen allen hehren Vorsätzen persönlich angegriffen werden.

Da muß man allerdings sehr genau hinschauen. Wer sich so verhält, arbeitet nicht professionell. Der oder die hat den Ansatz nicht begriffen oder kriegt ihn nicht mit den eigenen persönlichen Grenzen zusammen. …

oder lässt sich von der angebotenen Macht zu sehr verführen…

Einverstanden, aber dieses Problem durchzieht alle Pädagogik…

Indem die Konfrontative Pädagogik das unnachgiebige Erinnern an Grenzen in den Vordergrund stellt, das „Einmassieren des Realitätsprinzips“, wie es heißt, ist sie extrem normativ und für Machtmissbrauch besonders anfällig.

Das sehen sie zu einseitig. Konfrontative Pädagogik setzt auf den „autoritativen Erziehungsstil“. Übersetzt heißt das „wohlwollend und bestimmend“. Wenn autoritäre Personen versuchen, autoritativ zu arbeiten geht das schief und das ist gleich zu erkennen. Dann wird es ungerecht und Leitung muss sofort reagieren. Die Verantwortung hierfür liegt in unserem Fall bei den Leitungsverantwortlichen und letztlich bei mir. Jugendliche dürfen dem nicht ausgeliefert sein und sind es in unserer Einrichtung auch nicht. Es besteht sowohl in der Mitarbeiterschaft als auch auf Leitungsebene eine sehr hohe Sensibilität für alles, was eine wohlwollende und unterstützende Kultur ausmacht und was ihr entgegensteht. Darüber hinaus haben die Jugendlichen im Rahmen unserer Kultur der offenen Türen jederzeit die Möglichkeit, sich an leitende Personen zu wenden, um gegebenenfalls eine Klärung zu initiieren.

Also die Jungs können sich beschweren, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen?

Genau. In der Realität ist das allerdings weniger unser Thema. Viel schwieriger ist das ausgeprägte Harmoniebedürfnis von uns Sozialberuflern. Also die Neigung, sich „einlullen“ zu lassen. Wenn es eine Weile gut läuft, lässt man nach, man schaut nicht mehr so genau hin, man fordert weniger ein und wird zu rasch pädagogisch zu großzügig. Das ist ja auch bequemer – allerdings nur auf den ersten Blick. Denn damit wird die Struktur aufgeweicht. Das führt leicht zu Verunsicherung und mangelnder Orientierung seitens der Jugendlichen mit der Folge: Unruhe, Rückfall in negative Peer Culture und altbekanntes dissoziales Verhalten. Dort wo Fehlverhalten nicht konfrontiert, sondern geduldet wird, fängt es sehr schnell an „unrund“ zu laufen. Es gibt ungeklärte Konflikte die sich schnell ausweiten, es kommt zu Ungerechtigkeiten und es entsteht spürbar eine unangenehme Atmosphäre mangelnder Orientierung der Jugendlichen.

Das Herz hat dann über die klare Linie gesiegt…

Ja, und das bringt den Jungs gar nichts. Mir hat sich ein Satz von Albert Schweizer eingeprägt: „Die Güte braucht eine scharfe Kante, sonst wird sie leicht mit der Dummheit verwechselt“. Will sagen: es kommt auf die Mischung an, auf das Verhältnis von „Klarer Linie und Herz“. Ich halte das für eine Kunst, die man aber erlernen kann und die übrigens nicht nur für die Arbeit mit den „Schwierigen“ gilt, sondern auch für unsere eigenen Kinder. Graduell wird es da sicher Unterschiede geben müssen, prinzipiell jedoch ist es dasselbe. Es braucht auch ein kleines Kind gewisse Vorgaben, Grenzen und Entscheidungen, die der Erwachsene ihm abnimmt.

Wie stellen Sie sich vor, dass das den bei Ihnen betreuen Jungs hilft?

Wir bringen sie zum Nachdenken über ihre Einstellungen. Dazu, dass sie anfangen diese zu ändern. Eigentlich ist unser Ansatz banal: Auf der Grundhaltung von Annahme, Wertschätzung können wir deutlich konfrontieren bei Regelverstößen. Dabei kommen Verhaltensmuster zum Vorschein. Wenn die Jungs anfangen, diese wahrzunehmen, als dysfunktional zu erkennen und sie zu verändern, können wir von Erfolg sprechen.

Wie überprüfen sie den?

Da sprechen Sie ein schwieriges Thema an. Einfach deshalb, weil wir bislang keinen Weg gefunden haben, unsere Arbeit sauber zu evaluieren.

Woher nehmen Sie dann die Gewissheit, dass Ihre Pädagogik hilft?

Neben einer Evaluation, die, sagen wir mal wissenschaftlichen Kriterien stand halten würde, bekommen wir natürlich auf anderem Weg feedback. Die klare Strukturierung und Ritualisierung der pädagogischen Programme und einrichtungsinternen Abläufe und Prozesse schafft Transparenz, Orientierung und Kalkulierbarkeit für die Jugendlichen im Alltag und gleichermaßen Handlungs-sicherheit für die MitarbeiterInnen. Wir nehmen eindeutig wahr, dass dies den Jugendlichen nicht nur Anlass gibt „auf Reibung“ mit den BetreuerInnen zu gehen, sondern auch Halt und Sicherheit. Auf der Grundlage einer gewissen Geordnetheit – und das meint mehr als z.B. Ordnung und Sauberkeit- meint Geordnetheit alltagspraktischer Vorgänge und Gegebenheiten kann Entwicklung und Training sozialer Verhaltensweisen geschehen. Das ist beobachtbar und erkennbar.

Wie gehen die Jungen selbst mit internen Konflikten um?

Wir erleben immer wieder, dass Jugendliche, die schon längere Zeit bei uns sind, sich bei der Klärung von konflikthaften Situationen, auch wenn sie selbst an diesen Konflikten beteiligt waren, oft erstaunlich differenziert, reflektiert und vor allem konstruktiv einbringen können. Das führen wir zurück auf dasTraining in sozialer Kompetenz im Rahmen des Peer Group Counselling, wo es u.a. regelmäßig um eigene Denkfehler geht und um die Verantwortung für das eigene Handeln. Gibt es Rückmeldungen von außerhalb der Einrichtung?

Aus der Stadt Ettlingen erhalten wir seit Jahren die erfreuliche Rückmeldung von Seiten der Polizei, dass seit unser hier beschriebenes pädagogisches Programm installiert ist, die Beschäftigung der Ettlinger Polizeibeamten mit unserer Einrichtung bzw. mit den bei uns untergebrachten Jugendlichen gegen Null geht. Das war vorher sehr viel anders, daher freut uns das ganz besonders und ist eine weitere Bestätigung. Und selbstverständlich freuen wir uns jedes Jahr sehr über die erfolgreichen Absolventen, die mit einem Schulabschluss oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung die Einrichtung verlassen.

Noch mal zurück zu Ihren Mitarbeiter/innen. Ich finde, Sie stellen recht hohe Erwartungen an deren Professionalität! Hat die Einführung dieser Philosophie nicht auch Widerstand ausgelöst?

Zunächst mal hat sich diese Linie ergeben aus den Vorerfahrungen. Und da hat sich für viele Mitarbeiter/innen bei uns gezeigt, dass das Fehlen einer klaren Linie, also ein Zick-Zack-Kurs Unsicherheit und Unzufriedenheit auf beiden Seiten auslöst: bei den Professionellen und bei den Jungs. Die Konfrontative Pädagogik erschien zumindest einen Versuch wert – und siehe da: die Erfahrungen waren ganz überwiegend gut.

Das klingt fast zu schön…

Natürlich gibt es immer PädagogInnen, denen die Umsetzung unserer Pädagogik leichter fällt und andere haben mehr Schwierigkeiten damit. Wenn jemand lernen möchte, Konflikte und Auseinandersetzungen mit Jugendlichen im oben genannten Sinne konfrontativ zu führen und sie gleichzeitig so zu gestalten, dass a) der Jugendliche dadurch in seiner sozialen Entwicklung weiter kommt und b) der Konflikt und seine Bearbeitung eine Möglichkeit – für manche unserer Jungs übrigens die einzige – darstellt, menschliche Nähe und Wärme herzustellen, der oder die kann das bei uns lernen. Wer das nicht möchte, sollte nicht bei uns arbeiten.

Da haben wir’s jetzt mal wie aus dem Lehrbuch: Konflikt als Chance zur Weiterentwicklung.

Wir machen diese Erfahrung ständig, ja. “

Klare Linie mit Herz“ ist ihr Aushängeschild, oder vielleicht noch besser der Rahmen ihrer Angebote. Was bietet Ihre Einrichtung innerhalb dieses Rahmens an, damit die Jungen ein positives Selbstwertgefühl entwickeln können und ihre Einrichtung „fit for life“ verlassen?

Rahmen gefällt mir ganz gut. Wir kümmern uns – siehe meine Ausführungen zum Herz – um die Bedürfnisse der Jungs. Es ist uns ein Anliegen, dass sie sich bei uns wohl fühlen. Jeder hat sein Einzelzimmer, die Räumlichkeiten sind sehr sauber und gepflegt.

Zimmer, Gruppenräume, Flure – alles wirkt auf den ersten Blick sehr aufgeräumt, fast gediegen…

Ja, wohnliche Atmosphäre ist uns wichtig. Wir legen zudem großen Wert auf einen freundlichen und höflichen Umgangston und missbilligen ausdrücklich jegliche Form diskriminierender Äußerungen. Es gibt ein breit gefächertes, erlebnisorientiertes Freizeitangebot mit sportlich, musisch und kreativ geprägten Freizeitgruppen. Sie finden bei uns eine ganz alltägliche Mischung aus Spaß haben, gefordert sein, gefördert werden.

Wie sieht der Rest des Mosaiks aus? Ihre Pädagogik ist mit den Attributen empathisch, konfrontativ, autoritativ ja offenbar nur unzureichend beschrieben…

Bei der Umsetzung dieser Prinzipien bauen wir auf die Potentiale der Peer-Group. Es gibt regelmäßige Treffen, die in ritualiserter Form ablaufen. Die Jungs lernen, sich gegenseitig konstruktiv Rückmeldung zu geben, sich zu beraten. Diese Methode ist als Peergroup Counselling bekannt und beschrieben. Diese Beratungen waren der Anfang, allmählich haben wir das ausgeweitet zu einem grundlegend anderen Stil des Umgangs unter den Jungs. Aus den USA haben wir da gute Anregungen unter dem Stichwort Positive Peer Culture aufgenommen. Es geht dabei vor allem um gegenseitige Unterstützung und Fürsorglichkeit. Die zentrale Erkenntnis lautet, dass Jugendliche unabhängig von eigenen Störungsbildern und Auffälligkeiten in der Lage sind, anderen Jugendlichen zu helfen, sich sozial weiter zu entwickeln, selbstbewusster zu werden, zunehmend eigenverantwortlich und selbständig zu werden und sich mehr sozial adäquat zu verhalten. In dem Maße, in dem ein Jugendlicher einen anderen Jugendlichen in dessen Entwicklung fördert und unterstützt, entwickelt er sich selbst weiter.

Also geben Sie einen Teil Ihrer Erziehungsverantwortung ab…

Nicht die Erziehungsverantwortung. Die bleibt letztlich bei uns. Wir trainieren aber die Jugendlichen darin, sich prosozial und eigenverantwortlich zu verhalten, in dem wir ihnen im Sinne von Partizipation partiell Verantwortung übertragen. Wir arbeiten mit einem Pädagogischen Stufenplan. Das bedeutet kurz gesagt, dass Jugendliche gemäß ihrem Verhalten einen bestimmten Status in der Gruppenhierarchie einnehmen. Wir arbeiten hier mit einem Anreizsystem: Je sozialer du dich verhältst, desto mehr darfst du, desto mehr Freiheiten und Privilegien kannst du in Anspruch nehmen. Wer oben ist, gilt für die anderen immer auch als Vorbild. Wir schaffen also eine Wettbewerbssituation, packen die Jungs bei ihrer Lust, sich zu messen und nutzen dies zu prosozialen Zwecken.

Schaffen sie damit zugleich sozusagen die Brücke nach draußen, also den Weg raus aus dem Heim?

Ja, insofern sich „prosozial“ natürlich wieder an mehrheits-gesellschaftlichen Wertmaßstäben orientiert und so eine Vorbereitung auf „die Zeit danach“ bedeutet. Zudem schaffen wir für die Jugendlichen Situationen außerhalb der Einrichtung, in denen sie positive Erfahrungen hinsichtlich ihrer Selbstwirksamkeit machen können.

Ein Beispiel dafür?

In Kooperation mit der Stadt Ettlingen arbeiten derzeit einige Jungs in einer Senioreneinrichtung und einer Einrichtung für psychisch erkrankte Menschen. Unter Anleitung üben sie Hilfstätigkeiten bei der Betreuung aus. Und erfahren dabei was?

Vor allem, dass sie nicht in der Rolle der Hilfeempfänger zu verhaften brauchen, sondern dass sie selbst in der Lage sind, anderen zu helfen. Es geht hierbei vornehmlich um die Stärkung des Selbstwertgefühls durch positive Selbstwahrnehmung. Dies hat zur Folge, dass es weniger Notwendigkeit gibt, Selbstwertgefühl durch gewalttätiges oder sonstiges Dominieren und Unterdrücken anderer zu erreichen.

Wie bewerten die Jugendämter das Konzept Ihrer Einrichtung?

Wir sind überregional angefragt und die Kolleg/innen aus den sozialen Diensten kommen zufrieden aus den Hilfeplangesprächen und scheinen gut über uns zu sprechen. Das Haus ist voll belegt.

Und das Umfeld, die Eltern…?

Bei den Eltern liegt ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit. Mit ihnen und weiteren Bezugspersonen der Jugendlichen im konstruktiven Dialog zu stehen. Wir betrachten die Angehörigen als wichtige Partner und gehen davon aus, dass die Unterstützung und die Förderung des Jugendlichen unser gemeinsames Ziel ist. Zusätzlich zu den vielen informellen Kontakten und Reflexionsgesprächen nach oder vor den Heimfahrtswochenenden oder während der Woche organisiert jede Erziehungsgruppe selbstständig einmal jährlich ein Grillfest oder eine Adventsveranstaltung für die Angehörigen der Jugendlichen. Einmal monatlich findet ein Elterngespräch statt. In Einzelfällen und bei besonderem Bedarf wird dies im Rahmen eines Hausbesuches gemacht. Wir legen großen Wert darauf, dass in jedem Betreuerteam mindestens ein/e Mitarbeiter/in in systemischer Familienberatung ausgebildet ist.

Klingt nach einem runden Konzept…

…an dem wir dauernd weiter arbeiten müssen. Die Jugendhilfelandschaft verändert sich, neue Anforderungen tauchen auf. So haben wir erst vor kurzem eine Intensiv-Wohngruppe mit acht Plätzen für männliche Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren eingerichtet, die sexuell übergriffig geworden sind. Für diese Klientel wird bislang zuwenig angeboten. Wir denken, dass wir auch dieser Gruppe was zu bieten haben, dass auch diese Jungs ein professionelles, auf die besondere Zielgruppe zugeschnittenes Konzept in Verbindung mit „klarer Linie mit Herz“ aus ihrer Gewalt-Sackgasse heraus führen kann. Wir arbeiten hier ausschließlich in einem speziell entwickelten Setting mit enger Tagestruktur und intensivem pädagogisch-therapeutischem Rahmen.

Sie wirken auf mich, als würde Ihnen diese Arbeit auch nach Jahren noch Spaß machen…

Danke für das Kompliment! Ja, meistens ist das auch so. Es sind mir in den letzten Jahren zwar einige graue Haare gewachsen, aber das kann ja auch andere Ursachen haben.

Herr Schrenk, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Lothar Wegner, Aktion Jugendschutz, Baden Württemberg, www.ajs-bw.de


St. Augustinusheim
Schöllbronner Str. 78
76275 Ettlingen
Fon (0 72 43) 77 40-0
Fax (0 72 43) 77 40-90
info@augustinusheim.de

->Anfahrtskizze