Aktion 1: Gemeinsam Hunger aushalten

Nachdem in der Unesco-Projektgruppe über längere Zeit zu den belasteten und erschwerten Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen in verschiedenen Teilen der Erde Filme angeschaut und Diskussionen geführt worden waren, entstand die Idee, den Projekttag  2012 diesem Thema zu widmen und im Selbstversuch  gemeinsam Hunger auszuhalten.

Letztlich vereinbarten sechs Jugendliche und vier Mitarbeiter(innen), drei Tage gemeinsam zu hungern.

Für die drei Tage wurde ein konkretes Programm ausgearbeitet.

Tagesprogramm:                                Dienstag den 24.04.12
07.00 – 08.00 Uhr Treffen im Ettlinger Zimmer
Wie geht es mir?
Was erwarte ich?
08.00 – 09.00 Uhr Kleiner Spaziergang
Raum um sich besser kennenzulernen
Möglichkeit auch unter vier Augen zu reden
09.00 – 12.00 Uhr Ettlinger Zimmer mit Herr Strohmaier(Arzt und Entwicklungshelfer im Ruhestand, erzählt was Hungern aus medizinischer Sicht bedeutet und berichtet von seinen Erfahrungen mit Hunger)Diskussionsthemen:

Was macht Hunger und Durst mit uns? ( Med. Sicht )

Was bedeutet Hunger für andere? ( z.B. Burkina Faso )

Wie leben andere?

12.00 – 13.00 Uhr Kleine Pause
13.00 – 18.30 Uhr Weg zum Brunnen und zurück!
Wir laufen nach Völkersbach (10km) und tragen 2 Wasserkanister á10l zurück. Wir erleben, was andere jeden Tag machen müssen!
18.30 – 19.00 Uhr Ettlinger Zimmer
Reflexion: Wie geht es mir?Wie war der Tag, was erwarte ich von morgen?
Tagesprogramm: Mittwoch den 25.04.12
07.00 – 08.00 Uhr Treffen im Ettlinger ZimmerReflexion: Wie geht es mir? Was erwarte ich?
08.00 – 09.00 Uhr Kleiner Spaziergang oder evtl. alternativ Film**Verschwendung von Lebensmitteln
09.00 – 12.00 Uhr GATE (Hochseilgarten auf dem Gelände des St.  Augustinusheimes  www.gate-ettlingen.de )
12.00 – 13.00 Uhr Kleine Pause
Spaziergang, Zeit, sich besser kennenzulernen, Möglichkeit auch unter vier Augen zu reden
13.00 – 14.30 Uhr Film „Hunger“
14.30 – 17.30 Uhr ZKM (Technologie-„Museum“ Karlsruhe www.zkm.de)
17.30 – 18.00 Uhr Ettlinger Zimmer
Reflexion: Wie geht es mir?Wie war der Tag und was erwarte ich von morgen?
Am heutigen Tag endet das Projekt bereits um 18.00 Uhr, da am Abend die Peer Group Sitzungen stattfinden.
Tagesprogramm: Donnerstag den 26.04.12
07.00 – 08.00 Uhr Treffen im Ettlinger Zimmer
Reflexion: Wie geht es mir? Was erwarte ich?
09.00 – 13.00 Uhr Europabad Karlsruhe (Spaß und Erlebnisbad in KA)
13.00 – 14.30 Uhr Einkauf für das gemeinsame Abendessen
14.30 – 15.00 Uhr Treffen im Ettlinger ZimmerWie fühle ich mich nach diesen „Hungertagen“?Werde ich das heutige Essen mehr schätzen?
15.00 – 16.30 Uhr gemeinsames KochenVorfreude erleben, Spaß haben
16.30 – 16.40 Uhr Stiller Moment.  Wir sagen Danke, Gebet
16.40 – 17.30 Uhr gemeinsames Essen
17.30 – 18.30 Uhr zusammen Aufräumen
18.30 – 19.00 Uhr Treffen im Ettlinger Zimmer Schlussrunde,Wie geht es mir? Was war gut, was weniger?Was nehme ich aus dieser Erfahrung mit?

Wollen wir wieder mal Hungern?

19.00 Uhr Ende des Projektes

Impressionen

Unesco Projekttag Impressionen

Erfahrungen von Beteiligten:


Erfahrungsbericht von Daniel Weidner und  Steven Ibert

Gedanken und Gefühle während der drei Tage Hungern:

Hoffentlich bald vorbei; Hunger; Zusammenhalt, Mitgefühl, mit Menschen in Burkina Faso, die dort in Armut leben und in schlimmen Verhältnissen. Dass man um an ein wenig Wasser ran zu kommen, mehrere Kilometer laufen muss.

Wir haben in den drei Tagen viel  unternommen, obwohl wir nichts gegessen haben, der Körper hat irgendwann keine Kraft mehr. Der Gedanke, dass es Menschen in Afrika und sonst wo genau so geht und das jeden Tag, ist echt schlimm. Wir haben von Herr Dr. Strohmeier viele Bilder gesehen und waren echt erschrocken, wie es dort aussieht und wie die Verhältnisse dort sind. Wir sind in den drei Tagen als Gruppe noch mehr zusammen gewachsen und haben an noch mehr gedacht und hatten die Idee, dass wir uns auch weiterhin treffen und noch ein paar andere Sachen planen.

Wir finden es echt toll, dass das St. Augustinusheim eine UNESCO Projektschule werden will und wollen uns auch weiterhin voll dafür einsetzten.

Mit freundlichen Grüßen

Steven und Daniel


Erfahrungsbericht von R. Schlindwein

Dienstag der 24.04.12

Heute beginnt unser Projekt „Hunger aushalten“. Als um 5.00 Uhr der Wecker läutet, bin ich schon aufgeregt. Was werden die nächsten drei Tage bringen. Schaffen wir es zusammen? Wie findet sich die Gruppe und haben wir uns nicht zu viel vorgenommen? Ich bin gespannt, neugierig und freue mich auf das was kommt.
Um 7.00 Uhr trifft sich die Gruppe zum ersten Mal und ich merke, dass die Jungs und meine Kollegen/innen, die gleichen Gefühle haben wie ich. Das beruhigt mich und es fühlt sich gut an.
Am Vormittag ist Dr. Strohmaier da. Er wird uns von seinen Erfahrungen aus Burkina Faso berichten. Wie leben die Menschen dort, was bedeutet Hunger für sie und wie kann man helfen.
Am Mittag laufen wir von Ettlingen nach Völkersbach. Mit diesem 20 km Marsch, wollen wir nachfühlen, wie es ist, mit leerem Magen jeden Tag diesen Weg zu gehen um das für uns Selbstverständlichste zu besorgen, nämlich Wasser. Wir haben mehrere 10 L. Kanister dabei, die wir mit Wasser gefüllt zurück tragen. Es ist kalt, windig und regnet. Schon nach 15 Minuten sind wir alle durch und durch nass. Auf dem Rückweg sind wir alle total erschöpft und haben Hunger. Ob wir uns nicht zu viel vorgenommen haben? Jeder hat seine Zweifel, manche benennen sie, anderen sieht man es an. Aber wir schaffen den Marsch und als wir dann bei einem warmen Tee im trockenen zusammen sitzen, sind wir stolz, jeder auf sich aber auch auf die anderen.
Am Abend, wieder zu Hause, mit mächtigem Hunger im Bauch bin ich immer noch stolz, auf mich, aber mehr noch auf die Gruppe. Ich spüre zum ersten Mal, dass dies ein tolles Erlebnis werden kann und wir eine super Truppe sind.

Mittwoch den 25.04.12

Als um 5.00 Uhr der Wecker läutet, bin ich froh. Ich habe schlecht geschlafen, meine Beine tun mir weh, mir ist schlecht und dies schon bevor der zweite Tag beginnt. Wir treffen uns wieder um 7.00 Uhr. Ich bin gespannt wie es den anderen geht und ob alle wieder da sind.
Alle sind wieder da! Und ich spüre, dass die sich die Gruppe schon nach einem Tag verändert hat. Jeder benennt offen wie es ihm geht, wie er sich fühlt und was ihm Sorgen macht. Heute wird der schwerste Tag. Schaffen wir den, bewältigen wir auch den letzten Tag. Ab jetzt sind wir keine Projektgruppe mehr, die mal eben schnell ein Projekt durchzieht. Wir sind ein Team, eine Mannschaft die zusammen leidet, aber auch für die anderen da ist. Mit diesem Gefühl starten wir in den Tag und es ist ein sehr gutes und intensives Gefühl. Jetzt freue ich mich, dies mit meinen Jungs zusammen auszuhalten und ich freue mich auf die gemeinsame Zeit.
Vieles haben wir uns für heute vorgenommen. Der Hunger ist allerdings immer dabei. Alle verbindet der Gedanke, dass es unendlich viele Menschen gibt, die dieses Gefühl immer haben. Unser Blick auf Lebensmittel verändert sich. Was wir alles als selbstverständlich hinnehmen, wie wir mit Lebensmittel umgehen und wie gedankenlos vieles einfach in den Müll wandert.
Wir schauen uns einen Film über die Hungersituation in einigen afrikanischen Staaten an. Nach reden ist niemanden zu Mute. Dies vollgefressen mit den Chips und der Dose Cola anzusehen ist eines, das Gefühl des Hungers zu spüren und dabei zu sehen, wie andere leiden, verändert den Blickwinkel. Erst als im Film gezeigt wird, wie Menschen Schlammbrot zubereiten und essen, schauen wir uns fassungslos an. Wie schlimm muss es sein, dass man Schlamm isst und wie gut geht es uns, nach nur lausigen zwei Tagen ohne Essen.
Am Abend als wir wieder zur Schlussrunde zusammen sind ist von Stolz wenig zu spüren. Wir sind müde und das vorherrschende Gefühl ist Betroffenheit. Es macht uns traurig, weil wir erstmals erahnen können wie Menschen leben müssen. Gestern hatten wir das Projekt fast spielerisch begonnen, nach 48 Stunden ist es kein Spiel mehr. Unser Blick ist ein anderer und wird es auch immer bleiben.
Am Abend zu Hause sitze ich über einem Schreiben das tagsüber eingegangen ist. Eine Rechnung über die ich mich normalerweise aufregen würde. Heute bin ich zu müde und um mich aufzuregen, erscheint mir die Rechnung zu banal. Sie ist es auch, wenn meine Gedanken zu meinen Jungs und Kollegen wandern, wie es ihnen wohl geht und im Hinblick auf das was wir heute geredet, gefühlt und gesprochen haben.

Donnerstag 26.04.12

Als der Wecker um 5.00 Uhr wieder läutet, freue ich mich auf den Tag. Es geht mir heute nicht besser als gestern. Sogar schlechter! Der Schwindel ist dazugekommen und ich sollte eigentlich kein Auto fahren. Aber wir wollen zusammen am Mittag einkaufen, für das am Abend geplante Essen. Wie es wohl den anderen geht?
Alle sind wieder da und allen geht es wie mir. Es ist uns anzusehen, dass wir leiden, nein leiden stimmt nicht, es tut richtig weh! Aber alle wissen auch, jetzt schaffen wir das zusammen. Es ist irre, wie sich in so kurzer Zeit die Beziehungen zu Menschen ändern. Wie sie tief werden und wie man beginnt sich zu mögen. In mir macht sich auch das Gefühl der Dankbarkeit breit. Dankbarkeit für die tolle Arbeit die ich habe und nun weiß ich auch wieder, warum ich diesen Beruf mal gelernt habe. Mit den Jungs und für die Jungs!
Der Tag zieht sich und es ist verdammt schwer, am Mittag im Supermarkt einzukaufen. Das Brot riecht und das Rot der Tomaten leuchtet anders. Wir freuen uns auf das gemeinsame Kochen und Abschlussessen, aber fast schämen wir uns über das Angebot und wie sich unser Einkaufswagen unverschämt füllt.
Unser gemeinsames Erleben geht zu Ende. Der Tisch ist gedeckt und wir wissen, gleich dürfen wir wieder Essen. Wir halten inne, manche sprechen ein Gebet, manche sind still in sich gekehrt, aber gemein haben wir alle eines: Wir haben es geschafft und wir waren und werden eine tolle Truppe sein. Wir halten uns an den Händen, schauen uns an, habe ich da nicht eine kleine Träne gesehen?

Guten Appetit !

Freitag 27.04.12

Freitag, 8.30 Uhr läutet der Wecker. Ich bin zufrieden und Dankbar. Hey, ihr fehlt mir!

R. Schlindwein



St. Augustinusheim
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76275 Ettlingen
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Fax (0 72 43) 77 40-90
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